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Was ist eigentlich Classic Blues?

Geburtsstunde des Jazz

Cover Maple Leaf Rag
Foto: Wikimedia Commons
Amerika an der Schwelle des 20. Jahrhunderts: Langsam klangen die Nachwehen des Bürgerkriegs ab und man begann, das riesige Land mit Bahnstrecken zu erschließen, die Menschen und die aufkommenden Industriebetriebe verbanden. Das Land veränderte sich rasant, erfand sich neu. Und seine Musik war ein Teil davon. Schwarze Komponisten und Musiker, deren Stimmen man in Zeiten der Sklaverei zum Schweigen gebracht hatte, sahen ihre Chance. Im Mittleren Westen hämmerte der junge, ambitionierte Pianist Scott Joplin (1867-1917) seine synkopischen Ragtime-Rhythmen in die Walzen der automatischen Pianolas. In New Orleans stellte der Barbier und Kornettist Buddy Bolden (1877-1931) die erste Tanzkapelle zusammen, die es wagte, sich von der französischen Marsch-, Mazurka- und Quadrillentradition zu emanzipieren und deren glühendheißer Bläsersatz mehr nach alten Work Songs und Spirituals als nach Blaskapelle klang und vom «Big Four»-Beat des Schlagzeugs unbarmherzig vorangetrieben wurde. Und ein neugeborener Junge erhielt den Namen Louis Armstrong (1901-1971).

Portrait Ma Rainey
Ma Rainey – Foto: Wikimedia Commons
Die neue Musik eroberte den Kontinent im Eiltempo. Die Pianolawalzen wurden überall vertrieben, die Raddampfer trugen den New Orleans-Sound den Mississippi hinauf in den industrialisierten Mittleren Westen, und die fahrenden Vaudevillebühnen bereisten mit ihrem Varietéprogramm den ländlichen Süden. Noch aber war der neue Sound hauptsächlich instrumental: Verstärker waren noch nicht erfunden und Sänger wie Sängerinnen hatten es schwer, sich gegen einen entfesselten Blechsatz durchzusetzen. Deshalb waren die Gesangseinlagen der neuen Jazzbands hauptsächlich auf den «Shout Chorus» limitiert, bei dem die gesamte Band aus vollem Hals den Refrain mitschmetterte. Mit den Vaudeville-Zeltbühnen reiste auch die junge, ehrgeizige Sängerin Gertrude «Ma» Rainey (1886-1939), die eine Lösung für das Problem fand: statt der Marschkapellen-Rhythmusgruppe überließ sie den Rhythmus und die Harmonien nur einem Klavier oder einer Gitarre und ließ ein, zwei Bläser die Pausen zwischen den einzelnen Gesangszeilen füllen. So entstand einerseits ein fesselndes Zwiegespräch der Solisten, andererseits sank die stimmliche Belastung der Sängerinnen.

Portrait Gladys Bentley
Gladys Bentley – Foto: Wikimedia Commons
Das Wichtigste aber war, dass Rainey und die Künstlerinnen, die ihr nachfolgten, – es waren meist Frauen – sich nicht auf das Hitrepertoire der Musicals verließen, sondern sich ihre Texte größtenteils selbst schrieben. Und in diesen Worten bildeten sie ihr Leben als durchsetzungsfähige, selbstsichere Frauen ab, die sich ihren Weg durch eine Welt chaotischer zwischenmenschlicher Beziehungen, emotionaler Enttäuschungen und materieller Entbehrungen suchten. Das Publikum konnte sich mit diesen Texten sofort identifizieren. Es kam also nicht von ungefähr, dass Rainey und ihre Kolleginnen mit ihrer Musik unmittelbaren Erfolg hatten.

Classic Blues ist auf der Theater- und Varietébühne geboren und war immer eine Darbietung, die den Sängerinnen alles abverlangte, die Texte der Songs darzustellen. Das erklärt auch, warum so wenige der Sängerinnen dieser Zeit als Instrumentalistinnen hervortraten – wir wissen nur von der Pianistin Gladys Bentley (1907-1960) und der Gitarristin Lizzie «Memphis Minnie» Douglas (1897-1973).

Und Edison sprach: Es werde Grammophon!

Portrait Mamie Smith
Mamie Smith – Foto: Wikimedia Commons
Die Plattenfirmen, die damals selbst noch Neugründungen waren, hielten von dem neuen Sound zunächst Abstand. Aber auch die Musiker waren skeptisch. Der New Orleanser Trompetenstar Freddie Keppard (1890-1933) lehnte einmal ein Angebot für einen Studiotermin ab, weil er Angst hatte, man könne ihm so seinen Sound stehlen. Eine Ironie der Geschichte war es, dass die erste Jazzplatte, die 1917 erschien, von einer weißen New Orleanser Band eingespielt wurde, der Original Dixieland Jazz Band. Im selben Jahr erschien jedoch eine Reihe anderer Jazzaufnahmen von schwarzen und weißen Bands. Eine davon wurde von dem Trompeter William C. Handy (1873-1958) geleitet, der den neuen Sound nach New York City brachte. Als im August 1920 die weiße Sängerin Sophie Tucker einen Aufnahmetermin verpasste, war er es, zusammen mit seinem Songwriterkollegen Perry Bradford (1893-1970), der Okeh Records überredete, stattdessen eine der schwarzen Sängerinnen aus der Ma Rainey-Schule aufzunehmen. Ihr Name war Mamie Smith (1883-1946) und ihr «Crazy Blues», den ihr Bradford auf den Leib geschrieben hatte, wurde ein Überraschungserfolg. Die Verkaufszahlen waren in den Schwarzenvierteln der Industriestädte des Nordens und Mittleren Westens enorm. Die Plattenindustrie sah sich nun also in der Situation, gänzlich unverhofft über ein ganz neues, unerwartetes Kundensegment gestolpert zu sein.

Portrait Bessie Smith
Bessie Smith –
Foto: Carl van Vechten, Wikimedia Commons
Nach und nach machten immer weitere Classic Blues-Sängerinnen Aufnahmen. 1921 erschien das Debüt von Alberta Hunter (1895-1984) und 1923 schließlich wurde neben Ma Raineys ersten Aufnahmen auch die erste Hitsingle der Künstlerin veröffentlicht, die für den Sound des Classic Blues steht wie keine andere: Bessie Smith, mit dem Beinamen Empress of the Blues (1894-1937). Sie verdankte ihren ersten Erfolg, den «Down-Hearted Blues», dem Songwriting-Talent ihrer Kollegin Alberta Hunter. Insgesamt hatten bis zum großen Börsenkrach von 1929, der der Plattenindustrie vorerst den Garaus machen sollte, 252 Sängerinnen (zusammen mit einigen Sängern) insgesamt ca. 3.200 Classic Blues-Songs aufgenommen.

1933: Neue Zeiten

Als der New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 endlich einen Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise wies, hatte sich der Musikgeschmack fundamental verändert. Das Publikum dürstete nach fröhlicherer, optimistischerer Musik und einem opulenteren Orchesterklang. Der Swing der Big Bands erfüllte dieses Bedürfnis perfekt. Mit dem Tonfilm wurden auch immer bessere Verstärkeranlagen gebaut, die sich bald nicht nur Kinos, sondern auch Bands leisteten, um ihren Sängern und Sängerinnen ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen. Eine neue Art Jazzgesang entstand. Billie Holiday (1915-1959) war die erste Sängerin, die die Möglichkeiten des Mikrofons umfassend erkannte, um eleganter und weicher zu phrasieren.

Portrait Ethel Waters
Ethel Waters –
Foto: William P. Gottlieb, Wikimedia Commons
Einige der Classic Blues-Sängerinnen wie Ethel Waters (1896-1977) oder Ida Cox (1896-1967) waren flexibel genug, mit dem neuen Sound mitzugehen. Auch Bessie Smith war dabei, sich musikalisch neu aufzustellen, als ein tödlicher Autounfall im Jahr 1937 ihre Karriere jäh beendete. Alberta Hunter setzte bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs ihre Karriere in Europa fort, musste dann aber in die USA zurückkehren. Die meisten Classic Blues-Sängerinnen aber hängten das Tourgeschäft ganz an den Nagel, um sich anderen Berufen zu widmen.

Mit dem Rock'n'Roll der 1960er Jahre erwachte erneut ein Interesse am Blues und viele Classic Blues-Künstlerinnen konnten eine späte zweite Karriere beginnen. Victoria Spivey (1906-1976), die wie Sippie Wallace (1898-1986) die dürren Jahre als Kirchenorganistin überbrückt hatte, gründete 1962 ihr eigenes Plattenlabel, auf dem sie ihre Zeitgenossinnen aufnahm. Aber das größte Comeback dürfte Alberta Hunter gefeiert haben, die seit ihrem Ausstieg aus dem Musikgeschäft als Krankenschwester tätig war. Seit 1977 bis fast zu ihrem Tod 1984 veröffentlichte sie wieder einflussreiche Alben in stetiger Folge.

In der Zwischenzeit wurde die Classic Blues-Tradition von einer jüngeren Generation Bluessängerinnen fortgeführt. Ihre prominentesten Vertreterinnen sind bzw. waren wohl Gaye Adegbalola (geb. 1944) und Ann Rabson (1945-2013), die jahrzehntelang gemeinsam die Gruppe «Saffire» leiteten. Wir hoffen und streben danach, würdige Erbinnen der Classic Blues-Tradition in dritter Generation zu sein und laden Sie ein, daran teilzuhaben.

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